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Dez
20

«Das Fratzenbuch»


Wir sind zwar ständig verbunden aber nicht mehr zusammen. Wir erwarten mehr von der Technologie aber weniger von einander.

Der kollektive Exhibitionismus auf Facebook drückt einen tief in uns verwurzelten Wunsch aus - nämlich jenen, mit allen verbunden zu sein. Doch liefert die grösste virtuelle Gemeinschaft tatsächlich eine neue soziale Gesellschaft, nach der wir suchen?

Soviel sei bereits über Facebook gesagt: Es handelt sich um das erfolgreichste soziale Netzwerk und wird von vielen Millionen Menschen genutzt; täglich kommen 850'000 neue Members hinzu und sein Wert beträgt etliche Milliarden Dollars.

Doch hinter diesen Zahlen, dem Erfolg und den schönen Worten liegt eine nicht leicht zu beantwortende Frage:

Warum?

Warum benutzen die Menschen für ihre Sozialkontakte lieber Sofortnachrichten, SMS und Bilder auf einer Webseite anstatt einfach das Haus zu verlassen, um sich persönlich zu treffen?

Facebook ist definitiv die Gesprächsplattform des Internets. Jeder added Freunde, liked, probiert neue Anwendungen aus, lädt Bilder hoch und chatet. Viele Internetuser geben offen zu, dass sie süchtig danach sind und dass sie viele Stunden in Facebook verbringen, um Kontakte zu knüpfen. Jedoch verstehen nur wenige, warum das so ist.

Überlegen Sie mal: Warum investiert man Stunden in eine Sache, wenn man in der realen Welt keinen Vorteil daraus ziehen kann? Man taucht ab in eine Welt, in der man die Kontrolle über das Geschehen hat - anders als oft im eigenen Leben. Erfüllt Facebook etwa unser Bedürfnis nach einem grossen Freundeskreis? Das wollen wir ja alle. Aber manche Leute haben erst mit dem zweiten Ich Erfolg - nämlich virtuell im Internet. Oder ist es nur eine Art von unverbindlichem "Inkognito - Freundschaftenflohmarkt", ein Platz für Freunde ohne wirkliche Freundschaft? Hat dort jeder seine persönliche "Big Brother" Show, in der das eigene Leben per Lifestreaming präsentiert wird, aber nicht so stattfindet?

Keine dieser Fragen kann wirklich eindeutig beantwortet werden. Aber eines ist gewiss: Facebook bietet wieder eine neue Möglichkeit, sich leicht der Realität und dem Alltag zu entziehen. Es lässt uns in eine gebrauchsfertige Phantasiewelt fliehen - eine Welt, in der man hunderte, vielleicht sogar tausende Freunde hat, eine "Pseudogesellschaft" ohne zwischenmenschliche Konflikte. Schöne neue Welt - zumindest als Simulation.

Doch erhebt sich die Frage: Ist Facebook also ernsthaft ein Ersatz für Sozialkontakte in der wirklichen Welt? Ist es für uns so schwer geworden, miteinander persönlich umzugehen?

Das Ego will Alles - die Seele will Verbindung

Für gewöhnlich sind wir Menschen soziale Geschöpfe. Und als solche lieben wir es, unsere Egos zu streicheln, indem wir allen zeigen, wie wunderschön, smart und klug wir doch sind - und wahnsinnig beliebt! Wir wollen sehen und gesehen werden und ein Netzwerk wie Facebook gibt uns dazu die perfekte Gelegenheit:
Wir können alle Welt sehen - und alle Welt blickt auf uns, und wir präsentieren uns selbstverständlich von unserer Schokoladenseite! Wir präsentieren uns mit den coolsten Photos und tollsten Interessen - dieses Verhalten verhüllt aber ein tiefer liegendes Bedürfnis - eines, das jeder von uns hat; man nennt es das Verlangen nach "Verbindung".

Tja, jetzt wird es kurz esoterisch. Seelenforscher erklären nämlich, dass wir alle gewissermassen wie eine einzige Seele miteinander verbunden sind - ein mächtiges Wesen aus Milliarden individueller Seelen. Auf dieser Stufe existieren wir in einer wechselseitigen, ewigen Verbindung, als ein ganzes System. "Spiegelneuronen" und so weiter.

Doch an irgendeinem Punkt unserer Entwicklung verloren wir die Wahrnehmung der universellen Seele und unser Gefühl der Verbundenheit. Dieser Verlust der Wahrnehmung hinterliess uns ein Gefühl der Leere und des Mangels. Seither sind wir auf der Suche nach Möglichkeiten, die diesen Zustand kompensieren und uns irgendwie das einstige Gefühl der Ganzheit wiedergeben. Tatsächlich ist es die unbewusste Erinnerung an die Verbindung innerhalb unserer kollektiven Seele, die Millionen von uns dazu motiviert, in ein virtuelles Netwerk einzusteigen. Hier können wir einander jenseits von Zeit, Raum oder sonstigen Schwierigkeiten treffen. Man sitzt alleine vor dem Computer und ist doch unterwegs. Das Internet ist eine Welt ohne Grenzen, sagte mal einer. Das gilt auch für die Grenzen des Geistes.

Der wachsende menschliche Egoismus blockiert unsere Wahrnehmung der gemeinsamen Seele ("Global Mind") und entfernt uns voneinander. Er wuchs beständig und erreichte in den letzten Jahren seinen Höhepunkt. Auch wenn er uns unglaublichen technischen Fortschritt brachte, so verhindert er jedoch gleichzeitig, dass wir uns wieder miteinander verbinden. Als Konsequenz fühlen wir eine tiefe Leere in unserem Herzen, welches sich danach sehnt, dass die Einheit unter uns wieder hergestellt wird.

Doch indem wir so weitermachen, gibt unser Ego uns das Gefühl, grösser und besser zu sein als die Anderen. Es veranlasst uns, uns gegenseitig zu übervorteilen oder uns sogar aus purer Gewinnsucht Schaden zuzufügen. Doch hauptsächlich hindert es uns an der Erkenntnis, dass wir hinter all den zwischenmenschlichen Distanzen im Inneren doch zusammen gehören.

Das Ego ist der Grund, warum wir den Gedanken des miteinander Verbundenseins nicht mögen. Wir finden die Idee der "gegenseitigen Abhängigkeit" oder "Gemeinsamkeit" aller Menschen fast unangenehm, belastend und sogar abstossend - daher verleugnen wir sie einfach. Doch trotz dieser Verleugnung zwingen uns die in jedem Bereich unseres Lebens lauernden Krisen, die wachsende Globalisierung und die dramatischen Naturereignisse zur Erkenntnis, dass wir wirklich verbunden und voneinander abhängig sind. Verbundenheit ist ein Prinzip des Universums und wir sind nur ein winziger Teil davon.

Wir sind in einer Zwickmühle gefangen - einerseits wollen wir nicht einsam sein, andererseits wollen wir nicht zu viel Nähe. Das virtuelle Netzwerk liefert uns die perfekte Lösung: Wir können tausende Kontakte knüpfen und müssen dabei nicht einmal unseren Computer verlassen. Unsere geniale Technologie gestattet uns das Gefühl, verbunden zu sein und dabei distanziert zu bleiben. Das wachsende Gefühl des Getrenntseins enthüllt aber ein Verlangen nach seelischer oder geistiger Verbindung, welches nicht durch Technik oder virtuelle Medien ersetzt werden kann.

Um dieses Verlangen zu befriedigen, sollten wir unser gesellschaftliches Netzwerk "upgraden" - von einem digitalen zu einem menschlichen.




• Publiziert am 20. Dezember 2008 um 05:22     ▶ 4690 Views     ≡ Kategorie: Betrachtungen

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